Öffentliches Statement zur HINT 2019

Am Wochenende 01. bis 03.11.19 hat die Hamburger inter / nicht binär / trans Tagung (HINT) stattgefunden.

Ich habe dort einen Workshop veranstaltet, der sehr nett war mit angenehmen Gästen. Vielen Dank euch!
An die Person, die sich sehr genau das Schnittmuster meines selbst entworfenen Harnesses abfotografiert hat – vorher fragen wäre in dem Fall toll gewesen.
Mein Workshop steht nach wie vor falsch im Programm. Der Workshop hieß “Sextoy-Workshop”.
Meines Wissens nach wurde an mich ein Preis für meinen Aktivismus verliehen. Ich war bei der Preisverleihung nicht anwesend und weiß nicht mehr dazu.

Hintergrund zu meiner Position:
Ich kenne einige Personen aus der HINT-Orga mehr oder weniger gut persönlich.
Ich habe keine Einblicke in die Orga-Arbeit und deren Diskussionen. Ich war lediglich zu meinem Workshop bei der Veranstaltung und habe deshalb sehr wenig selbst mitbekommen. Ich habe mit ein paar Leuten gesprochen, die wenig oder mehr teilgenommen haben.
Ich habe wenige Worte mit Teilen der Orga gewechselt.
Ich habe der Orga ein ähnliches Statement per Mail geschrieben und darauf verschiedene Antworten bekommen.
Ich kann nur schreiben, was ich wahrnehme und wahrgenommen habe und was sich mir fragmentarisch aus verschiedenen Gesprächen erschlossen hat.
Ich schreibe die Orga als Gesamtorga an, es kann sein, dass ich damit interne Diskussionen übergehe und Sachen nicht adäquat wiedergebe.
Ich schreibe aus einer inter*-solidarischen Position. Ich bin selbst nicht inter*.

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An dieser Stelle kommt mein öffentliches Statement, weil ich erschüttert und enttäuscht von der HINT bin und mich gerne zumindest im Nachhinein solidarisch zeigen möchte.

Mein Statement richtet sich kritisch an die HINT-Orga als Gruppe. Eine verantwortungsvolle Aufarbeitung muss die Orga für sich machen.

Mein Statement richtet sich solidarisch an alle, die von den Entscheidungen der HINT-Orga verletzt, ausgeschlossen und/oder nicht gesehen wurden.

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Ich habe erfahren, dass eine Ärztin als Referentin zur HINT eingeladen wurde, die Operationen an nicht einwilligunsfähigen intergeschlechtlichen Kindern durchführt.

Meines jetzigen Wissens nach wurde das Orga-Team vorab darüber informiert, hat sich aber dennoch entschieden, die Ärztin nicht auszuladen, sondern teilnehmen zu lassen.

Meines jetzigen Wissens nach haben Aktivist_innen ihre Teilnahme abgesagt oder sind nicht erschienen.

Das bedeutet, dass die Anwesenheit einer inter* Kinder operierenden Ärztin der Orga wichtiger war als die Anwesenheit von inter* Aktivist_innen bzw. Menschen, die solidarisch zu inter* Themen arbeiten.

Das schockiert mich zutiefst. Das darf in unseren Communities nicht passieren.
Das ist ein krasses Versagen der HINT gegenüber den inter* Communities.

Operationen an nicht einwilligungsfähigen Kindern sind eine Menschenrechtsverletzung.

Die OPs sind nicht überlebensnotwendige Eingriffe in Körper von Kindern, die über diese Eingriffe nicht selbst entscheiden können. Das ist ein ganz krasser Machtmissbrauch innerhalb unseres Zweigeschlechtersystems. Dieses System wird gewaltvoll an den Körpern von Kindern hergestellt.

Die Beendigung von Operationen an Kindern ist eine der zentralen Forderungen von inter* Communities. Hier ein Beispiel.

Ich verlange, dass eine Tagung, die unter anderem für intergeschlechtliche Personen da sein will und “inter” ja auch in ihrem Namen trägt, solidarisch mit den Themen der inter* Communities ist.
Ich verlange, dass nicht-intergeschlechtliche trans*queere-nicht binäre Communities solidarisch mit den Themen der inter* Communities sind.
Sonst versagen wir.

Die Zusammenarbeit zwischen inter* und trans* Communities ist seit vielen Jahren immer wieder schwierig und bedarf besonderer Umsicht und Reflektionsfreudigkeit seitens der trans* und queeren Communities, weil trans* Personen immer wieder Räume und Themen vereinnahmen, ihre zahlenmäßige Dominanz nicht oder zu wenig reflektieren und sich nicht oder zu wenig mit inter* Politiken beschäftigen.

Die HITT als Vorgängerin der HINT hat gezeigt, dass es viel Arbeit braucht, um eine Tagung zu organisieren, die verschiedene Communities und deren Interessen mit einschließen kann und wo die Fallstricke liegen. Dass das ein langes Projekt ist, das nur gemeinsam geht. Darauf hätte weiter aufgebaut werden können.

Ich sehe für die HINT nicht, dass sich hier ausreichend informiert wurde.
Ich sehe nicht, dass die HINT eine belastbare inter*-solidarische Position für sich ausgearbeitet hat.

Das kritisiere ich und das macht mich wütend.

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Ich habe nach der Durchführung meines Workshops erfahren, dass ich einen Preis für meinen Aktivismus bekommen sollte. Da ich nicht bei der Preisverleihung war, kann ich dazu nichts weiteres sagen. Ich wurde nicht schriftlich informiert, ob dieser Preis verliehen wurde oder nicht.

Ich kann und möchte vor dem Hintergrund des oben Geschriebenen diesen Preis nicht annehmen.

Das steht meinem Aktivismus und meinen Überzeugungen und Kämpfen absolut entgegen.

Ich bin solidarisch mit den Kämpfen und Themen aus inter* Communities.

Ich kann an dieser Stelle außerdem nicht anders, als mich als Token benutzt zu fühlen, um die Diversität und Offenheit der Tagung widerzuspiegeln.

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Ich möchte um Entschuldigung bitten bei der Orga, allen Teilnehmenden und mir selbst, dafür dass ich nicht schon während meiner Anwesenheit nachgeforscht und klar reagiert habe, das wäre so wichtig gewesen. An dem Tag war mir das nicht möglich. Das nehme ich als mein persönliches Versagen in der Situation mit und daraus lerne ich. 

Ich hatte bei der Anfrage an mich zu der Tagung gefragt, ob genug inter* Personen im Programm sind. Das wurde mir zugesichert und war für mich die Voraussetzung für meine Zusage.

Ich nehme mit, dass es sinnvoll ist, die Beitragenden einer Tagung genau zu prüfen und gegebenenfalls im Vorfeld mit der Orga in Diskussion zu gehen oder wieder abzusagen.
Das weiß ich auch eigentlich! Hier habe ich es leider nicht gemacht. Das tut mir sehr leid.

Ich nehme mit, dass ich bei eingeschränkter Gesundheit meine Teilnahme gegebenenfalls absage, weil ich nicht mehr in der Verfassung bin, solidarisch zu sein und wenn nötig zu streiten. Auch das weiß ich eigentlich und auch das bin ich hier einfach übergangen.

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Ich hoffe, dass die Orga Lust darauf hat, aus dem Geschehenen zu lernen und sich in ihren Prozessen weiterzubewegen.

Fehler passieren. Das ist so und wird auch immer wieder so sein.

Ich finde es wichtig, sich dazu zu verhalten und verantwortlich zu sein. Das ist schmerzhaft und nicht einfach, bringt aber immens weiter.

Ich wünsche mir von der Orga, dass jetzt erstmal alle Abers und Abwehrgedanken zurückgehalten werden, dass die Kritik gehört und mit der Zeit angenommen werden kann. Hinweise und Kritik aus unseren Communities sind toll und immer eine Möglichkeit weiterzulernen.

Ich möchte nicht in interne Diskussionen einbezogen werden. Das ist nicht mein Aufgabenbereich.

Mein Statement kann weitergeleitet werden.

Weiterlesen: IVIM / OII Deutschland

 

Joke Janssen, November 2019, Hamburg

 

Vielen Dank an G und M für Euer Gegenlesen und Eure Anmerkungen!

 

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