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10 Jahre Testo

So! Im Juni hatte ich 10 Jahre Testo Jubiläum auf Niedrigdosis, und dazu bekommt ihr jetzt einen längeren nswf und tmi Text. 😀

Der folgende Text benennt Körperdinge, sexuelle Dinge, Körperveränderungen auf Testosteron, inklusive genauerer Beschreibungen von Genitalveränderungen. Überlegt euch, ob ihr das lesen möchtet. 🙂

Ich dachte, ich teil mal. Ich nehme Testo auf Niedrigdosis, weil es für mich und mein Körpergefühl super funktioniert, ich das Gefühl habe, möglichst große Kontrolle über meine Hormoneinnahme zu haben und weil ich mit hormoneller Unterstützung von trans*queerer Körperlichkeit (nicht männlich, nicht weiblich; wahrscheinlich könnt ihr auch nb sagen) herumexperimentiere. Und das ist ja vielleicht interessant nachzulesen.
Disclaimer dazu: Alle Körper sind toll und alle Geschlechter sind Definitionssache! Ich benutze keine normativen biologischen Definitionen, für mich sind Körper mit oder ohne zusätzliche Gabe von Hormonen genau das, was sie sein sollen. Ich persönlich habe mich für Hormone entschieden.

Ich schreibe also dazu, wie ich mich körperlich verändert habe und wie ich das wahrnehme. Ich versuche außerdem, andere Aspekte reinzuschreiben, die was mit der Wahrnehmung meines Geschlechts durch andere zu tun haben.

Ich habe eine Hysterektomie hinter mir ohne Entfernung der Eierstöcke (ist auch ca. 9 bis 10 Jahre her?), d.h. da werden also auch noch Hormone produziert.

Ich bin weiß, inzwischen nicht mehr ganz jung (Ende 30, werde auf Ende 20 bis Mitte 30 geschätzt), ich bin schlank und groß (überdurchschnittlich groß für Frauen, das beeinflusst natürlich auch die Wahrnehmung meines Geschlechts).
Seit mehreren Jahren mache ich wieder vermehrt Sport, dadurch ist mein Körper muskulöser geworden, vor allem sind meine Schultern durch den Sport breiter geworden und ich hab mehr Arsch, hell yeah. 😀
Ich bewege mich eher feminin und kleide mich in femininer Männerkleidung. Auch das führt zu einer bestimmten Lesart meines Körpers im Raum.

Ich hab vor 10 Jahren unter Aufsicht meiner Hausärztin und ohne Endokrinolog_in mit Testogel angefangen, bis letztes Jahr hab ich diese silbernen Beutel benutzt (ich glaube zuerst die mit dem Schützen drauf, später Bayer?), nachdem es dort Lieferschwierigkeiten gab, nehme ich jetzt was aus einer Pumpflasche (Kade). Ich hatte großes, großes Glück mit meiner Hausärztin, weil sie bereit war, mich ausprobieren zu lassen und lediglich die Hormonwerte und mein allgemeines Wohlbefinden ärztlich zu begleiten. Ich bin ca. 4 mal im Jahr zum Hormontest und bewege mich zwischen Testo-Werten von 3,5 und 5,5 pg/ml (Pikogramm/Milliliter; Blutabnahme), meistens bin ich aber bei 4er-Werten. Das heißt ich bewege mich am unteren Ende der medizinischen Normwerte für Männer in meinem Alter.
Disclaimer: Normwerte – the fuck. Das ist rassistischer, sexistischer, normativer Müll und ich sag’s hier nur einmal als Anhaltspunkt.

Ich habe meine Testo-Dosis immer meinem Gefühl zu meinem Körper angepasst, nach oben habe ich aufgehört, wenn ich das Gefühl hatte, zu aufgeregt/schwitzig zu werden, nach unten, wenn ich (wahrscheinlich zyklisch bedingten) Ausfluss bekommen habe, was ich überhaupt nicht mag. Ich habe ein relativ gutes Gefühl zu meinem Körper auf Hormonen, d.h. ich merke inzwischen, wenn ich meine Dosis etwas anheben oder etwas senken sollte.

Ich habe über die Jahre viel rumprobiert und immer wieder meine Dosis geändert.
Die Dosis selbst lässt sich nicht 100%ig stabil einteilen, so wie ich das mache, d.h. meine Werte schwanken.

Angefangen habe ich relativ klassisch mit 25 mg-Beuteln täglich, auf die Oberarme verteilt, das hab ich ‘ne Weile gemacht. Die Veränderungen waren schnell spürbar: Als erstes und relativ früh leichte Vergrößerung der Klit, dann mit der Zeit Stimmbruch und etwas mehr Haare, stärkere Beinbehaarung, ein wenig mehr Bauch- und Brusthaare, relativ spät kleiner Bart.
Meine Brüste sind etwas kleiner geworden, fand ich bei einer C-Größe allerdings eher nicht merkbar.
Allgemein war ich emotional besser drauf.
Ich hatte einen Anstieg der Libido und hatte mit vergrößerter Klit mit 30 das erste Mal einen klitoralen Orgasmus. Danke Testo dafür. 😉 (Aber auch danke an meine Hand.)
(Ich bin großer Fan von differenzierten Gründen: Zu meiner Orgasmusfähigkeit gehörten sicherlich auch Dinge wie: Mehr Ruhe im Leben, mehr Selbstbestimmung, mehr Lust, selbst was auszuprobieren, mehr Queerness und BDSM auf eine Art, die ich gut fand. Ich hatte auch vor Testo eine hohe Libido.)
Zu der Zeit hatte ich mein wahrscheinlich ungebrochenstes männliches Passing, d.h. ich wurde in den meisten Fällen als (junger) Mann angesprochen. (Ich werde nicht mehr als Jugendlicher gelesen, seit ich Mitte 30 bin und nun doch mal ein paar Falten habe, das ist ganz angenehm.)

Ich hab nach etwa 3(?) Jahren angefangen, die Dosis runterzuschrauben, weil ich bestimmte Aspekte nicht so gut fand, insbesondere hatte ich das Gefühl, sehr doll und unangenehm unter Strom zu stehen, viel zu schwitzen und mich generell “klebrig” zu fühlen.
Ich bin kein Mann und ungebrochen so gelesen zu werden hat mich gestresst, genau so wie mich ungelesenes weibliches Passing stresst.
Und hatte ich Angst um mein Haupthaar, I shit you not.

Ich bin umgestiegen auf 50 mg/5 g-Päckchen und habe dann sehr viele Jahre ein Päckchen auf 3-4 Tage verteilt genommen. Also: Jeden Tag um die 12 bis 15 mg Testo auf die Oberarme.

Zu der Zeit ist mein Passing zurückgegangen; meine Klit war konstant auf der gleichen Größe, ich hatte einen leichten Kinnbart, meine Stimme hat sich auf einem Stand irgendwo dazwischen eingependelt.

Als es Lieferschwierigkeiten mit den silbernen Beuteln gab, habe ich eine Zeitlang die Dosis extrem runtergeschraubt, bis hin zu nahezu kein Testo mehr. Der Grund war zunächst nicht freiwillig, aber dann fand ich es interessant mal zu gucken, wie es mir nach längerer Zeit so gefällt nahezu ohne Testo-Zugabe.
Zu der Zeit wurde meine Stimme wieder heller und mein Passing ist sehr stark Richtung weiblich gegangen. Ich war allgemein schlechter drauf, sehr viel melancholischer und hatte ab und an Schmerzen im Unterleib, die ich als zyklisch bedingte Schmerzen einordnen würde.
Es hat mir nicht gefallen, ich hab das Produkt gewechselt und bin wieder hochgegangen mit der Dosierung.

Ich bin umgestiegen auf die Kade-Pumpflaschen und habe mich über mehrere Monate an eine Dosis rangetastet, die mir jetzt gut gefällt. Aktuell nehme ich ca. alle 4 Tage einen Hub. Laut Flasche ist ein Hub 1,25 g Gel mit einem Gehalt von 20,25 mg Testosteron. D.h. ich komme auf ca. 5 mg Testosteron täglich und damit die niedrigste regelmäßige Dosis in der ganzen Zeit.

Ich bin nicht ganz regelmäßig, ab und zu nehme ich auch erst am 5. oder sogar 6. Tag wieder Gel, das liegt daran wie es mit den äußeren Umständen so zusammengeht.
Diese kleinen Schwankungen merke ich nicht.

Meine Einschätzung zu den Folgen:
Ich habe Bart, aber sehr wenig. Es bleibt seit Jahren konstant bei einem kleinen Kinnbart, kein Schnurrbart, kein Wangenbart, keine Koteletten.
Ich habe eher wenig Körperbehaarung, außer vielleicht an den Beinen. Es haben sich ein paar Haare an den Schultern eingestellt, warum auch immer.
Meine Klit bleibt bei ihrer Größe, relativ stabil. Sie ist größer als früher ohne Testo, aber nicht so groß wie die klassischen Bilder, die eins von Testo-Klits im Netz finden kann. Ich bin sehr zufrieden. 😉
Mein Körper ist wahrscheinlich immer noch eher feminin, ich hab wie früher ‘ne wahrnehmbare Taille und Hüfte und ich kann nicht sagen, dass ich eine Veränderung in meiner Körperfettverteilung bemerkt habe (was natürlich nicht heißt, dass es sie nicht gab).
Ich habe das Gefühl, dass ich etwas besser Muskeln aufbaue als früher.
Ich habe nicht das Gefühl, dass sich mein Körpergeruch verändert hat.
Meine Stimme ist irgendwo zwischen tief und hoch hängengeblieben. Manchmal finde ich das etwas anstrengend, weil es sich anfühlt wie ein nicht zu Ende gedachter Stimmbruch und ich z.B. nicht gut laut reden oder rufen kann (da würde aber sicherlich Stimmtraining helfen), meistens mag ich meine Stimme aber gerade dafür, dass sie so trans* ist. Gehört wird sie mal als männliche, mal als weibliche Stimme.
Meine Vaginalflora ist super (wurde gerade erst von einer Gyn in die Höhe gelobt, tjaha!) und ich habe keine Probleme mit Trockenheit. (Auch hier kurzer Disclaimer: Körper sind sehr unterschiedlich, vaginale Trockenheit ist nichts Schlimmes, Gleitgel ist toll.)
Ich bin jetzt offensichtlich auf einer Dosis, auf der ich ab und zu etwas aus meinem Zyklus spüre, ich habe aber kein pms oder andere Mens-zugehörige Schmerzen.
Ich habe weiterhin Depressionen (da ist Testo ja nun auch nicht das Heilmittel, ne?), hab aber wieder ein Level, das sich okay anfühlt.
Ich hatte über die ersten Testo-Jahre das Problem, nicht weinen zu können, das legt sich aber gerade wieder.
Akne ist bei mir nicht schlimm, tritt aber auf, immer mal wieder im Kinn-/Halsbereich. Die kommt auch leider immer wieder, wenn ich mit der Dosis rumexperimentiere…
Inzwischen hatte ich eine Mastektomie und meine Experimente mit Testo haben weder das OP-Ereignis, noch das Ergebnis negativ beeinflusst.
Mein Passing ist jetzt wohl am ehesten da, wo ich es gerne hätte; ich weiß nicht mehr, wie ich gelesen werde. Manchmal als männlich, gefühlt in mehr Fällen allerdings weiblich, auch immer wieder sehr abhängig davon, mit wem und wo ich unterwegs bin. Ich habe den Eindruck, dass ich viel queer gelesen werde, also wenn weiblich, dann häufig lesbisch, wenn männlich, dann häufig schwul. Ich werde viel komisch angeguckt, aber nicht mehr so viel gefragt, ob ich ein Mann oder eine Frau bin, dass ist interessanterweise irgendwann in den 30ern weniger geworden, vermutlich hängt es auch mit meinem wahrgenommenen Alter zusammen. Vielleicht hab ich auch mein grumpy face verbessert. 😀

Meinem Haupthaar geht’s fantastisch.

Fazit: Ich freue mich, dass ich die Möglichkeit habe, da so selbstbestimmt ranzugehen und ich mag das Zwischenergebnis sehr. Ich habe das Gefühl, dass ich mit der Zeit eine sehr gute Selbsteinschätzung entwickelt habe. Große Schwankungen in der Dosis sind anstrengend und es hat lange gedauert, an eine gute Dosis zu kommen, aber für mich lohnt es sich.

Außerdem bin ich sehr dafür, möglichst selbstkontrolliert mit dem eigenen Körper umgehen zu können. 🙂