Cis-Notizen

Es ist schon länger her, dass ich ein bisschen nach dem Aufkommen des Cis-Begriffs gesucht habe. Eigentlich wollte ich daraus eine Arbeit machen, dazu ist es aber nie gekommen. Die Infos liegen nun auf meinen Rechner rum und verschimmeln virtuell, deshalb pack ich sie hierhin, vielleicht können einige was damit anfangen. Sharing is caring und so (oder aber ihr kennt das sowieso schon). Ich werde den Textausschnitt nicht großartig bearbeiten, deshalb der etwas wissenschaftliche Stil und die teilweise veralteten sexualwissenschaftlichen Bezeichnungen. Sorry.

Note: Ich stehe nicht so auf Ursprungsmythen. Trotzdem hier die ersten Nennungen, die ich gefunden habe.
Ich vermute, dass es viele nicht dokumentierte „Erfindungen“ von Cis- als Bezeichnung gegeben hat, da sich cis- (diesseits) und trans- (jenseits) im Lateinischen nun mal gegenüberstehen.

Zur Prägung des Begriffes zirkulieren mehrere Herkunftsgeschichten. Gängig sind für die Schreibweise „cis“ der Verweis auf eine Äußerung Dana Leland Defosses (1994) in der alt.transgendered Newsgroup (Link) und auf eine Erklärung Carl Buijs‘ (1996) in der Newsgroup soc.support.transgendered (Link). Defosse nannte in einem Unterstützungsgesuch zu Forschungsarbeiten die „queer community and cisgendered people“ (1994), ohne den Begriff näher zu erläutern. Buijs gebrauchte den Begriff zunächst ebenfalls ohne Erläuterung, formulierte aber auf Nachfrage, den Begriff einfach erfunden zu haben, er sei für „non-T*people“ bzw. trage die einfache Bedeutung „non-trans = cis“ (1996).

Für den deutschsprachigen Kontext hat außerdem der Sexualforscher Volkmar Sigusch 1992 die Begriffe „Zissexualismus“ und „Zissexuelle“ vorgeschlagen, um die „geschlechtseuphorische Mehrheit“ (ebd. 138) als ebenso ungeklärt und untersuchungswürdig wie aus sexualforscherischer Sicht die Transsexuellen zu positionieren. Sigusch bezieht sich mit dem Begriff auch auf Magnus Hirschfeld (1914), der von einem Patienten berichtet, welcher sich selbst als Cisvestit bezeichnet habe (ebd. 169, hier der Link zur Seite).
[Eventuell kommt „zis“ schon in Siguschs Artikel „Die Transsexuellen und unser nosomorpher Blick“ von 1991 vor, hab ich aber nicht gelesen.]

Hirschfeld beschrieb die Cisvestiten als eigene Gruppe, deren Angehörige gerne bestimmte, meist berufsgebundene, Kleidung trugen — im Gegensatz zu den Transvestiten, die die Kleidung des „anderen Geschlechts“ vorzogen. Cisvestitismus hat auch einen Eintrag in Ernst Burchards „Lexikon des gesamten Sexuallebens“ (1914; Eintrag: „Cisvestitismus, die Neigung, die Kleidung einer anderen Altersstufe, Volks- oder Berufsklasse des gleichen [im Original gesperrt] Geschlechts zum Zwecke sexueller Entspannung anzulegen, dem Transvestitismus verwandt (s. Verkleidungstrieb.“). Bei Sigusch hat die Bezeichnung des Zissexualismus das Ziel, die vermeintliche Krankhaftigkeit und Andersartigkeit der Transsexuellen zu hinterfragen und den pathologisierenden Blick der Sexualforscher_innen auf sich selbst und das eigene — meist unhinterfragte Geschlecht — zurückzuwerfen. Die Diskussionsteilnehmer_innen auf soc.support.transgendered, die auf die Frage nach der Bedeutung von Buijs‘ „cisgendered people“ (Buijs 1996) antworten, heben den Wunsch hervor, diejenigen, die nicht trans* sind, mit einem eigenen Wort zu benennen, um nicht bei nicht-trans* bleiben zu müssen.

Die erwähnten Texte sind:

Dana Leland Defosse (1994): transgender research
Carl Buijs (1996): Erklärung zum Begriff
Volkmar Sigusch (1992): Geschlechtswechsel, Hamburg.
Magnus Hirschfeld (1914): Die Homosexualität des Mannes und des Weibes, Berlin.
Ernst Burchard (1914): Lexikon des gesamten Sexuallebens, Berlin.